Posts Tagged “Erkenntnis”

Von: Lina
An: einen Freund
Betreff: Es gab da mal eine Zeit…

Es gab da mal eine Zeit, da haben wir uns nur in den Vorlesungen und Seminaren gesehen. Das war eigentlich auch ganz lustig, weil man immer wusste, dass da jemand ist, dem man den Spiegel wegnehmen konnte (so ein Käseblatt muss eh keiner lesen) und langweilig wurde es so eigentlich auch nie. Aber während der Professor vorne redet, kann man selbst ja auch nicht richtig reden, und deshalb haben wir nie viel geredet und ich konnte mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass man mit dir so fürchterlich gut reden könnte.
Das war im ersten Semester.

Dann gab es da mal eine Zeit, in der sind wir zusammen in die Mensa gegangen und haben uns zwischen den Lehrveranstaltungen getroffen, weil wir sowieso nicht so viele davon zusammen hatten. Aber sehen wollte man sich trotzdem, irgendwie auch außerhalb der Uni. Deshalb waren wir auch mal im Bolero und ich dachte, nach einer halben Stunde geht der Gesprächsstoff aus. Aber du hattest doch ein bisschen was zu erzählen und ich auch und daraus wurden dann fünf Stunden. Und ich habe dir in einer total ulkigen Bar in der Schanze, in der außer uns ja keiner war, aber die totaaaal Szene war, von meinen Problemen erzählt, und du warst für mich irgendwie da und hast mir Ratschläge gegeben. Und du hast mit deiner Freundin Schluss gemacht und hast mir eine Stunde lang bei Subway davon erzählt und wie blöd das alles gelaufen ist und ich habe dir zugehört - und vielleicht auch ein paar Ratschläge gegeben.
Das war im zweiten Semester.

Dann gab es da mal eine Zeit, in der wurde ich zu gemütlichen Sit-Ins und großen Partys und Kanutouren eingeladen und das war eigentlich noch viel spaßiger, weil man sich so ja auch mal so fürchterlich viel außerhalb der Uni erzählen konnte. Und ich habe deinen riesigen Freundeskreis kennen gelernt und habe herausgefunden, dass die nicht nur komisch (okay, meistens doch), sondern mitunter auch ganz schön nett sein können. Du hast ein neues Mädchen kennen gelernt und ich habe zugegebenermaßen immer wieder nachgebohrt, aber erzählt hast du dann doch ganz bereitwillig und ich habe mich gefreut für dich.
Das war im dritten Semester.

Und jetzt ist da eine Zeit, da hatten wir zwar Lehrveranstaltungen zusammen, aber wenn du nicht kamst, hast du mir nicht einmal mehr eine SMS geschrieben. Wenn ich nach einem Cocktail gefragt habe, kam ein “ja vielleicht nächste Woche mal” zurück und zwei Wochen später immer noch keine Nachricht. Deine Freunde fragten mich statt dir nach einer Kanutour und du erzähltest, dass das eigentlich alles nur ein Missverständnis war, ein bisschen blöd vielleicht, aber das ist ja jetzt geklärt, kommt natürlich nie wieder vor. Das war im Juni. Jetzt ist August und ich sehe nur noch auf StudiVZ die Bilder, wenn ich nach ihnen suche. Denn gemeldet hast du dich schon lang nicht mehr.
Das ist das vierte Semester.

Du löschst meine E-Mail-Adresse und vielleicht auch meine Handynummer, die brauchst du ja nicht mehr. Bei StudiVZ bleiben wir aber Freunde, weil man da ja alle hat, mit denen man einmal drei Worte gewechselt hat. Und all die, von denen man schon gar nicht mehr weiß, wie sie aussehen, weil man sie so lange nicht gesehen hat. Und ich bekomme von dir noch die Rundmails, die alle 200 anderen Studenten auch bekommen, weil du im Fachschaftsrat bist und nunmal die Mails verschickst.
Und ich weiß nicht einmal, warum.
Ist das das fünfte Semester?

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Er war nicht außergewöhnlich schön. Kein Mann, bei dem man sich umdreht und denkt “Wenn nicht der, dann kein anderer!”. Sagen wir mal, er war schon süß. Aber er ist Arzt. Und das macht ihn sexy.

Spätestens seit meinem Ärztemarathon in dieser Woche habe meine vage These für mich bestätigt, dass autoritäre Männer einfach sexy sind. Ich konnte sie sogar bereits näher differenzieren.
Denn zum ersten sind nicht einfach diejenigen Männer gemeint, die im privaten Autorität ausstrahlen - das ist schon sexy, aber lässt sich im Zweifelsfall durch einen geschickt fallengelassenen Bademantel auch ganz schnell außer Kraft setzen.
Nein, es sind diejenigen, die von Berufs wegen autoritär sind. Und sein müssen. Eben Ärzte. Oder Polizisten. Beiden kann man keine Widerworte geben, ohne ernsthaft krank zu werden oder in ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen.

Im Falle meines Beispiel-Arztes kam überdies noch ein besonderer Faktor hinzu. Er war nicht nur Arzt. Er war Neurologe! Richtig, ohne Erklärung ist das jetzt noch nicht die Erkenntnis schlechthin, denn ein Neurologe hat ja nicht mehr Autorität als ein, sagen wir mal, Orthopäde. Schließlich bringt es mir ebenso wenig, wenn ich nicht auf den Orthopäden höre und deshalb mein Fuß irgendwann abfällt.
Aber als Angehörige des Fernsehvolkes hat ein Neurologe trotzdem einen besondere Konnektivität. Nämlich diejenige zu Über-Arzt und Über-Mann Derek Shepherd. Nicht umsonst hat der “McDreamy” aus Grey’s Anatomy diesen Spitznamen, er ist sowohl für Serienfigur Meredith Grey als auch für mich der Traummann. Und er ist Neurologe. Und zwar Neurologe in einem Krankenhaus (nächste Übereinstimmung), der häufiger auch mal in der Notaufnahme herumläuft (bingo!).

Nun sah mein Arzt nicht wirklich aus wie Derek Shepherd alias Patrick Dempsey, er war eben süß. Aber diese Verbindung aus Arzt, Krankenhausarzt und Neurologe, die hat ihm tatsächlich dazu verholfen, aus dem “süß” ein “ziemlich sexy” zu machen.

Eigentlich wäre der Blogeintrag hier zu Ende, hätte ich meinen Arzt nicht gegoogelt und gestudivzettet. Denn ihn mit Bierflasche in der Hand auf einem Jahrmarkt-Bullen reiten zu sehen, hat ihn ein bisschen an Autorität - und damit an sexiness - einbüßen lassen. Aber nur ein bisschen.

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